Chamarel Single Barrel Rum

Die Luft hat angenehme 25 Grad Celsius, die Feuchtigkeit ist an diesem Morgen noch erträglich. Leichter Wind trägt hin und wieder einige gemäßigte Regentropfen auf die Scheiben unseres Wagens, der von unserem Fahrer, Roshan, durch die Weiten der Felder aus Zuckerrohr gesteuert wird. Es ist nicht sein bester Tag. Roshan ist nervös. Seine Tochter heiratet am Wochenende. Seine ruckartigen, unkontrollierten Lenkbewegungen müssen aber andere Ursachen haben. Ich tippe auf eine Mischung aus zu viel Nikotin, Koffein oder – wer weiß – vielleicht auch Rum? Wahrscheinlich fährt er diese Tour täglich. Aber ich kenne nicht viele Fahrer, die auf einer geraden Strecke von 10km Länge fast 20km Distanz zurücklegen können. Seinem ruckartigen Zick-Zack-Kurs sei Dank. Linksverkehr ja, aber leider ohne die Fahrkultur eines Rolls Royce. Nun gut. Das gehört hier zum kulturellen Stil. Schließlich befinden wir uns auf Mauritius. Mitten auf dem Weg in die berühmte Rhumerie de Chamarel. Der Destillerie, die für die Produktion des seltenen Chamarel Single Barrel Rum bekannt ist.

Auf dem Weg zur Rhumerie de Chamarel

Rund eine Stunde dauert die Fahrt, bis wir von unserem Hotel in der Turtle Bay, im Nordwesten der Insel, bis in die Region Chamarel gelangen. Unsere Fahrt führt uns vorbei an Port Louis, der Hauptstadt des Inselstaates, und den gut ausgebauten Küstenstraßen des Landes. Immer wieder fallen mir die moderneren Bürozentren auf, die sich gerade im Ballungsraum der Hauptstadt ansiedeln. Mauritius ist unter den CEOs vieler Firmen als kleines Steuerparadies bekannt. Wer genau hinschaut, findet hier so einige europäische Firmen auf den dekorativ gestalteten Klingeltafeln aus Edelstahl. Sogar ein deutscher Konzern ist hier vertreten. Ich bleibe diskret. Datenschutz ist hier oberstes Gebot.

Inzwischen haben wir die unzähligen Zuckerrohr-Plantagen hinter uns gelassen und durchfahren den bekannten Black River Nationalpark. Noch rund 20 Minuten, bis wir die Rhumerie de Chamarel erreichen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich einige Monate zuvor bei einem Rum-Tasting in Hamburg den Chamarel Rum XO probieren konnte. Noch immer liegen mir die fruchtig-würzigen Noten von leichter Vanille, Birne und markanter Eiche auf der Zunge. Der Rum von Chamarel hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, den ich aber unbedingt auffrischen muss.

Nur noch wenige Minuten. Passend zur Vorfreude verdunkelt sich der Himmel, die Wolken bleiben an den vulkanischen Bergen des Black River hängen. Tropischer Regen setzt ein und trägt damit spürbar zur Schwüle bei, die uns noch zu schaffen machen sollte. Roshan ist noch immer nervös. Leicht hektisch versucht er die Scheibenwischer seines Wagens zu bedienen, um den Durchblick bei diesem Regenschauer nicht zu verlieren – was ihm nur mäßig gelingt. Kontrolle ist nicht so sein Ding. Aber gut, wir sind am Ziel. Rund 300 Meter über der Küstenlinie im Südwesten von Mauritius taucht die Rhumerie de Chamarel vor uns auf.

Die Destillerie liegt in einer lokalen Senke. Man sagt, hier herrscht ein eigenes Mikroklima. Das kann ich bestätigen. Mein graues T-Shirt weist inzwischen mehr als vier Farbstufen auf. Klima und Charakter der gepflegten und charmanten Destillerie-Anlage sind einzigartig. Ein leichter Geruch von verbranntem Zuckerrohr liegt in der Luft. Es kann auch süßes Karamell sein. Die Rhumerie besitzt ein eigenes Restaurant, das speziell für die Touristen und hungrigen Rumfans konzipiert wurde. Süßspeisen sind eine Spezialität im französisch geprägten Inselstaat.

Die Anlage der Rhumerie de Chamarel entzückt durch Charme und Rafinesse

Marie empfängt uns herzlich am Eingang der Rhumerie. Die gebürtige Mauritianerin hat sichtlich Spaß an ihrem Job als Guide, spricht gebrochenes Deutsch. Wir bevorzugen Englisch. Marie ist einverstanden. So verpassen wir keine der wertvollen Informationen, die sie voller Begeisterung in der Geschichte der Rhumerie de Chamarel verpackt. Der mauritianische Architekt Maurice Giraud hat die umliegenden Gebäude der Destillerie neu konzipiert, um eine maximale Transparenz im Produktionsprozess der edlen Rums zu schaffen, ohne dabei die Harmonie mit der umgebenden Landschaft, der Kultur und dem Charme des Chamarel zu verlieren. So sagt Marie.

Die Rhumerie de Chamarel ist definitiv eine der schönsten Destillerien, die ich bisher gesehen habe. Das liegt nicht nur am gepflegten Garten aus Palmen, Hibiscus und viel Eichenholz. Auch die geschickt kombinierten Elemente aus Wasser und Naturstein machen die Rhumerie zu einer der schönsten Rum-Fabriken dieser Erde. Und nein, als Privatanwesen steht der Laden derzeit leider nicht zum Verkauf.

Gartenanlage der Rhumerie de Chamarel

Wie aus Zuckerrohr der beste Rum von Mauritius wird

Ehrlich gesagt wär‘ mir der Laden auch viel zu laut. Schließlich laufen Häcksel-Anlage und Walzwerk der Rhumerie in der Plantagen-Saison auf Hochtouren, nahezu rund um die Uhr. Die Ernte der Zuckerrohrhalme erfolgt nahezu pausenlos im Zeitfenster von Juli bis November – je nach Zuckergehalt der Pflanzen. Früher wurde die harte Arbeit selbstverständlich von ehemaligen Kolonialsklaven erledigt. Als im Jahre 1815 die Engländer die Kolonie von den französischen Besetzern übernahmen und im gleichen Zuge die Sklaverei verboten, lebten auf Mauritius etwas mehr als 60.000 schwarze Sklaven. Aus der damaligen Zeit kommt auch die kreolische Sprache, die noch heute vorherrschend auf dem Inselstaat ist. Eigentlich ein Dialekt der Sklaven. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind.

Ursprünglich wollte ich zielstrebig das Rum-Tasting beginnen und möglichst viel Zeit mit dem Chamarel Single Barrel Rum verbringen. Aber inzwischen haben die Wolken aus dem vulkanischen Umland ihren Kampf mit der kleinen Gebirgskette verloren und lassen ihr Wasser nun gefrustet über uns ab. In nur wenigen Minuten verwandelt sich die Destillerie in einen tropischen Regenwald. Gut, dass ich ohnehin gerade dabei war, die fleißigen Arbeiter beim Einladen der frisch angelieferten Zuckerrohrhalme auf Sorgfalt zu kontrollieren. Deutsche Angewohnheit. Ob die Jung’s da unten einen Tarifvertrag haben, weiß ich nicht. Ihren Job nehmen sie aber verdammt ernst.

Zuckerrohr Verarbeitung für den Chamarel Single Barrel Rum

Einzigartig an der Rhumerie de Chamarel ist, dass die Rum-Fabrik den gesamten Herstellungsprozess im eigenen Haus hat. Von der Verarbeitung des Zuckerrohrs, über das Entsaften, das mehrfache Fermentieren, Destillieren und das anschließende Oaking in den Eichenfässern, die üblicherweise aus Schottland oder Frankreich kommen. Dabei kommt für die Produktion der verschiedenen Rum-Sorten nur Zuckerrohrsaft und nicht etwa Melasse zum Einsatz, was bei den meisten industriellen Rums üblich ist.

In der Fachsprache nennt man diese Rums übrigens „Agricole Rum“. Ob das edle Piraten-Gesöff nun aus Melasse oder reinem Zuckerrohr-Saft hergestellt wird, ist vielmehr Geschmackssache. Wortwörtlich. Denn beide Varianten weisen einen ganz speziellen und eigenen Charakter auf, der nur schwierig zu beschreiben ist, wenn man nicht selber den Vergleich zieht – oder besser gesagt: schmeckt.

Der Chamarel Premium Rum wird zunächst sorgfältig gehäckselt

Nach der Fermentation in Edelstahlbehältern wird der inzwischen alkoholhaltige Zuckerrohrsaft mehrfach gefiltert und weiter in die Destillen gepumpt. Die genaue Gärzeit ist selbstverständlich Betriebsgeheimnis. Gut, meinetwegen. Inzwischen habe ich mich durch den langsam abflauenden Regen gekämpft und werfe einen kurzen Blick auf die Kessel-Anlagen der Rhumerie.

Die aufwändigen Destillen stammen zum Teil noch aus dem späteren 20. Jahrhundert, so sagt Marie. Flansche, Leitungen und die meisten Kessel wurden aber  inzwischen weitestgehend modernisiert und durch weitere Plate Stills aus reinem Kupfer erweitert. Was tut man nicht alles für das perfekte Destillat.

Column Still Chamarel

In der speziellen Column Still wird der fermentierte Zuckerrohrsaft über mehrere Stufen destilliert.

Die Rhumerie de Chamarel setzt dabei auf eine interessante Mischung aus weiterentwickelten Pot Stills mit Destillierkolben und den moderneren Column Stills, die eine höhere Produktionsrate ermöglichen und die wertvolle Flüssigkeit in den sog. Head, Heart und Tail-Anteil separiert. Damit wird die Qualität der Destillate weiter ausgebaut. Die doppelte Destillation findet nach der klassischen Cognac-Methode in den Copper Stills statt. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Premium-Rum. Aber der Chamarel Single Barrel ist ohnehin alles andere als ein gewöhnlicher Rum!

Pot Still Chamarel

Pot Still aus Kupfer mit einer speziellen Weiterentwicklung der Rhumerie.

Das Enddestillat enthält am Schluss etwa zwischen 75% und 85% reinen Alkohol und unterschiedlich viele Aromenkomplexe aus Ester-Verbindungen, je nach Weiterverarbeitung und Destillationsstufe. Dabei erzielen die Pot Stills vermehrt schwere und markante Aromenkomplexe, während die Column Stills für die Leichtigkeit im Destillat sorgen. In Chamarel werden beide Verfahren geschickt kombiniert und die Destillate am Ende verblendet, um ein ausgewogenes aromatisches Bild zu erschaffen. Das gilt natürlich nicht für den Chamarel Single Barrel, der sein langes Lager-Leben in nur einem Fass verbringt.

Man muss im Hinterkopf behalten, dass die Destillerie ein breites Portfolio an Rums im Angebot hat, die nicht alle über ein aufwändiges Single Casking produziert werden, sondern vielmehr als Rum Originale oder aromatisierter Rum-Likör auf den Markt kommen.  Diese Sorten sind aber eher etwas für den ungeübten Gaumen oder den fruchtigen Nachtisch beim BBQ. Schließlich schmeckt man hier eindeutig die (künstlich zugesetzten) Aromen von Pfirsich, Vanille, Kokos, Lemon oder Orange.

Die fruchtigen Chamarel Rum Liköre

Ich lasse die netten Frucht-Cocktails hinter mir und bewege mich zielstrebig zum Tasting-Raum der Premium-Destillate. Auf dem Weg dorthin erhält man ein paar Einblicke in den Lagerraum der Rums, in dem das wertvolle Zuckerrohr-Destillat viele Jahre in einzelnen oder wechselnden Eichenfässern reift, um am Ende verblendet zu werden. Wer es vom Anfang bis zum Ende des Reifungsprozesses in nur einem Oak-Barrel aushält, darf sich Stolz „Single Barrel Rum“ nennen. Wie auch der Spirit der Begierde.

Tasting des Chamarel Single Barrel Rum

Wir sind am Ziel. Nach rund 2 Stunden habe ich den Raum erreicht, in dem die wertvollen Flaschen der Single Barrels, Cask Finishes und der hochwertigen XO und VSOP Blends gelagert werden. Etwas abseits vom Trouble der Touristen-Führungen begrüßt mich ein Local der Destillerie, ich glaube sein Name war Jean. Marie übergibt stolz ihren hanseatischen Besucher, der auf das gewohnte „Moin“ zunächst nur irritierte Blicke erntet. Das stolz bezieht sich aber wohl eher auf die – wortwörtlich – kostbaren Aromen, die in Kürze auf ihre Entdeckung warten.

Die Leitung der Premium-Tastings wird nur den besten Mitarbeitern der Rhumerie anvertraut. Schließlich geht es hier nicht nur um Aromen, Alkohol und Zuckerrohr. Das Handling der limitierten Premium-Rums erfordert einiges an Geschick im Umgang mit dem wertvollen Inhalt – und natürlich auch den Gästen.

Ich nehme Platz. Jean reicht mir zunächst ein Wasser. Wortwörtlich. Angesichts der hohen Temperaturen und nahezu hundertprozentigen Luftfeuchtigkeit eine geniale Idee. Durst ist keine gute Voraussetzung für ein Rum-Tasting. Das weiß er. Jean fragt mich, wie viel Zeit ich mitbringe und mit welchem Rum ich beginnen möchte. Ich schaue kurz auf meine Uhr – Viertel nach 12. Kurz erinnere ich mich daran, dass Roshan unter Zeitdruck war, er muss noch viele Dinge für die Hochzeit vorbereiten. Aber Zeitdruck ist beim Tasting des Chamarel Single Barrel Rums nicht die richtige Voraussetzung. Gut, Roshan wartet in seinem Auto. Und ich muss heute nicht mehr fahren. Wir fangen unten an. Ganz unten – beim Chamarel VS.

Chamarel Premium Blends – Vieux Standard, VSOP und XO

Sofort fällt auf, dass die Rhumerie ihre Blends von den Single Casks deutlich abhebt. Die eckigen Flaschen mit dem braun-rötlich bis goldfarbenen Inhalt überzeugen vom ersten Moment. Farbstoff ist übrigens in allen Premium-Rums der Destillerie nicht enthalten. Angesichts dieser Preiskategorie sollte das aber auch so sein. Nur mal nebenbei: Der Einstieg beginnt hier bei rund 50 Euro pro Flasche. Erwarten darf man eine Reifung von mindestens drei Jahren, wie es der Vieux Standard (VS) vorsieht.

Die Situation, in der ich mich gerade befinde, ist gar nicht mal so leicht. Man darf nicht vergessen, dass wir in einem Preissegment starten, bei dem viele der sonstigen Rum-, Whisky- oder Cognac-Tastings oftmals schon ihr Ende finden. Man tut sich schwer, das bei der Wahrnehmung am Gaumen auszublenden. Deshalb versuche ich meine Ausführungen zu den drei mittleren Premium-Blends etwas zu relativieren. Schließlich erwartet mich am Ende noch der seltene Chamarel Single Barrel Rum.

Der Chamarel VS überzeugt dabei durch besonders ausgewogene Aromen von Frucht, Vanille und einer wirklich minimalistischen Süße. Das ist im Wesentlichen auf den typischen Charakter eines Rhum Agricole zurückzuführen, wenn auch die Definition des Agricole bei dem Chamarel VS anfängt zu verschwimmen. Schließlich hat der VS eine ausführliche Verblendung hinter sich, um die konstante Qualität des Rums Jahr für Jahr zu gewährleisten.

Ich taste mich eine Kategorie vorwärts und widme mich dem Chamarel VSOP Rum, der sich als Blend aus Destillaten zusammensetzt, die mindestens vier Jahre Reifung im hauseigenen Keller hinter sich haben. Auch hier kommt ein Verhältnis von rund zwei Dritteln aus klaren Destillaten der Column Still und einem Drittel der Zweifach-Destillate aus dem Pot Still zusammen, die ingesamt ein sehr weiches und fruchtiges Bild ergeben. Allgemein sucht man auch beim Chamarel VSOP vergeblich eine ausgewogene Süße, wird dafür aber mit klaren Noten von Birne, Trockenfrüchten, Zitrusfrucht und einem Hauch Vanille belohnt. Insgesamt aber noch keine wirklich große Differenz zum Chamarel VS.

Erst der mit rund 6 Jahren deutlich länger gereifte Chamarel XO Rum läutet Jean die nächste Klasse ein – auch preislich. Inzwischen befinden wir uns in einem Segment von (lokal umgerechnet) 80 Euro pro Flasche, was in etwa auch das Level für den Export darstellen dürfte. Die längere Lagerung macht sich nicht nur optisch im gold-braunen Erscheinungsbild bemerkbar, sondern auch im Geschmack. Im Vergleich zum Chamarel VS und VSOP bietet der XO hier sehr klare Aromen von Eiche, etwas mehr Süße und Nuancen von Honig, Pfirsich und Zitronengras, die mir sogar noch lange Minuten auf der Zunge liegen.

Chamarel XO, VSOP und VS

Chamarel XO, VSOP und VS

Ich bin noch immer damit beschäftigt, die Unterschiede zwischen den drei Blends klarer zu verifizieren. Aber zugegebenermaßen komme ich hier auch klar an meine Grenzen. Man weiß aus Erfahrung, welchen Einfluss die längere Lagerung auf Weine, Rum und Whiskys hat. Ich erwische mich immer wieder darin, wie ich diese Erwartungen unbewusst auf den Chamarel Rum projiziere.

Chamarel Single Barrel Rum

Inzwischen ist es fast 13 Uhr. Die Mittagssonne brennt weiter die Feuchtigkeit aus den umliegenden Rohrzucker-Feldern und sättigt die Luft mit einem unvergleichlichen Aroma, das in seiner feinsten Form auch noch immer meinen Gaumen umwirbt. Inzwischen bereitet Jean das Tasting der Single Barrels und Cask Finishes vor. Ich spüle meinen Geschmackssinn mit einem weiteren Glas Wasser und begutachte in dieser Zeit den hauseigenen – wenn auch eher übersichtlich ausgestatteten – Humidor, aus dem sich die Gäste bei Bedarf gegen eine kommerzielle Spende bedienen können.

Ein paar Montechristos, eine Handvoll ausgewählter Siglo II aus Cohibas Linea 1492 und einige weitere, eher unbekannte Formate, die nicht aus Kuba stammen, warten in der Rhumerie de Chamarel auf ihren Aficionado oder Connoisseur, der die edlen Spirituosen in der passenden Atmosphäre mit aromatischen Zigarren genießen möchte. Angesichts der Luftfeuchtigkeit und den klimatischen Bedingungen hier, ist der Humidor wohl auch eher Ablagemöglichkeit als karibischer Funktionär.

„Sir“ hallt es aus dem Hintergrund. Jean hat das Finale vorbereitet. Ich entschließe mich dazu, mein Tasting unmittelbar mit dem Chamarel Single Barrel 2009 Batch No. 2 weiterzuführen. Ja – unüblich. Aber ich wollte mir einen möglichst hohen Wahrnehmungskontrast zwischen den Blends und dem High-End-Single Barrel aus Mauritius sichern. Meine, durch die vorgelagerten Tastings und die ausführlichen Rum-Abende an der Hotelbar, ohnehin schon überreizte Geschmacks- und Geruchs-Sensorik hätte sich mit einer weiteren langgezogenen Stunde etwas schwer getan. Zugegeben, der Hunger und die warme Temperatur taten ihr Übriges dazu bei. Also los.

Ich schwenke mein perfekt gefülltes Degustationsglas einige Runden mit kreiselnden Bewegungen und nehme mit der neugierigen Nase die ersten Aromen des Single Barrels wahr. Die auffällig dunkle, fast bernsteinfarbene Erscheinung des Rums weckt Assoziationen mit einem Zuckerrohr-Sirup. Aber die markanten Noten von Eichenholz und kräftiger Würze stellen sofort klar, dass dieser außergewöhnliche Single Cask Rum mehr als 6 Jahre in seinem eigenen Fass aus französischer Eiche reifen durfte.

Der erste Gaumenkontakt lässt den markanten Aromen des Rums in Nase und Mundraum deutlich merkbaren Spielraum. Auch hier: intensive tropische Früchte, deutlich mehr Vanille, etwas rauchig mit starken Noten von Eiche und Honig. Nachdem die ersten Eindrücke gesetzt sind, macht sich aber eine vormals unbekannte und angenehme Süße breit, die nicht nur vom Honig herrührt. Der sirupartige Eindruck bestätigt sich auf überraschende Weise. Der Chamarel Single Barrel ist viel süßer und noch deutlich weicher, fast schon mit karamellartigen Tendenzen. Wer dieses likörartige Dasein mag, wird den Single Barrel lieben!

Die angenehme Süße bleibt verhältnismäßig lange auf der Zunge. Das kenne ich ansonsten nur von Premium-Rums wie dem Plantation XO, der als herausragender Melasse-Rum aber eine ganz andere Grundlage und Preisklasse mitbringt. Mit immerhin 45% ist der Alkoholanteil an dem Chamarel Single Barrel sicherlich nicht üppig hoch. Aber seine ausgewogene Weichheit, Finesse und der gelungene Charakter machen den Chamarel Single Barrel 2009 Rum aus Mauritius zum absoluten Highlight meines Besuchs. Nicht nur in der Rhumerie.

Chamarel Single Barrel Rum: Moscatel, Single Malt und Sauterness

Selbstverständlich widme ich mich auch den drei weiteren Varianten des Chamarel. Ausnahmsweise aber in kürzer Form, um die gewonnene Eindrücke nicht zu verwässern. So lange muss Roshan noch durchhalten.

Chamarel Moscatel, Sauterness und Single Malt Cask Finish

Was für den Whisky-Liebhaber zum guten Ton gehört, sollte dem Rum-Kenner nicht ungeläufig sein. Auch die Rhumerie de Chamarel experimentiert für das Finish ihrer feinsten Tropfen mit unterschiedlichen Fasstypen, die für eine ausgefeilte Veredelung der ohnehin edlen Rums sorgt. Zum Einsatz kommen hier drei unterschiedliche Fassarten, wobei mit dem Sauternes-Fass und Moscatel-Fass zwei Weinfässer und mit dem Single-Malt-Fass ein Whiskyfass den Weg in die vier Wände der Destillerie gefunden haben.

Diese Cask-Finshes verleihen dem Chamarel Single Barrel Rum einen noch individuelleren Charakter, der – je nach persönlicher Präferenz – das größte Gefallen finden wird. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle auf eine ausführliche Beschreibung. Wer dem Aromenspiel von 10 bis 12-jährigen Single Malts, Moscatel, Sherry, und dem Süßwein der Sauternes und Semillon ein freudiger Gast ist, wird mit den Cask Finishes sein absolutes Highlight finden! Zumindest dann, wenn man den Preis von rund 150-200 Euro pro Flasche einigermaßen verschmerzen kann.

Die Rhumerie und ihr Rum – eine wertvolle Erfahrung

Damit neigt sich mein Ausflug in die Region des Black River Nationalparks seinem Ende zu. Der Besuch in die Rhumerie de Chamarel war eine absolut wertvolle Erfahrung, die ich nur jedem Gast von Mauritius empfehlen kann. Man muss kein Connaisseur sein, um an der Geschichte, dem Flair und dem einzigartigen Rum der Rhumerie großen Gefallen zu finden. Und das Gute: Ein Tasting vor Ort legt lediglich den Grundstein für spätere Entscheidungen. Den Rum aus Mauritius, wie den Chamarel Single Barrel oder den XO, kann ich über die ausgebaute Export-Struktur der Destillerie nämlich auch aus gewohnter Umgebung beziehen. So kann man guten Gewissens auf den Einsatz seiner Schmuggel-Fähigkeiten beim Zoll-Checkpoint am Airport verzichten.

Apropos Fähigkeit. In Sachen Lenkverhalten lässt Roshans Können als Fahrer auch auf dem Rückweg in die Turtle Bay einiges an Optimierungspotential ungenutzt. Wir sind dennoch wohlbehalten im Hotel angekommen und danken Roshan für die gelungene Tour mit einem adäquaten Trinkgeld. Wohl in dem Wissen, dass die getauschten EZB-Euros ein gutes Investment in eine rumhaltige Hochzeit seiner Tochter darstellen dürften.