Weingut Antinori - Weinimperium aus der Toskana

Nur eine gute halbe Stunde Fahr auf der Schnellstraße von Florenz in Richtung Siena liegt der beschauliche Ort Bargino. Hier hat die Familie Antinori vor wenigen Jahren ihr neues Hauptquartier erbaut. Und Weinkenner wissen, dass dieser Begriff hier noch deutlich zu viel Bescheidenheit suggeriert. Denn die mehr als 600-jährige Geschichte der Familie Antinori ist von Superlativen geprägt. Schon von Weitem können Interessierte und Weinliebhaber die Marchesi Antinori bestaunen, das als wohl eindrucksvollstes Weingut im gesamten Gebiet des Chianti Classico gilt. Und das liegt nicht nur an der imposanten Einfahrt zum Weingut Antinori, an dem der Schriftzug „Marchesi Antinori – Nel Chianti Classico“ prangt.

Marchesi Antinori - Nel Chianti Classico

Doch inzwischen steht der Name Antinori nicht nur mehr alleinig für international renommierte Weine und traditionsreichen Weinbau. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Familie Antinori eine der größten italienischen Imperien geschaffen, auf die sogar Gaius Iulius Caesar noch stolz wäre. Ein Konstrukt aus Wein- und  Olivenölanbau, Wein- und Gemischtwarenhandel sowie Hotellerie und Gastronomie machte nicht nur einen Neubau nötig, der dieser Gewalten Herr wird. Wir haben das Weingut in Bargino besucht und teilen unsere Impressionen!

Weingut Antinori – Eindrucksvolle Historie

Ende des 14. Jahrhunderts war die reiche und aufstrebende Handelsstadt Florenz von Pestwellen, sozialen Unruhen und kriegerischen Handlungen geprägt. Lange Zeit ging der Stadt ein blühender Aufschwung hervor, der maßgeblich durch die Familie der Medici gesteuert und kontrolliert wurde. Jener Familie, die bis heute das architektonische Stadtbild und die Geschichte der Stadt Florenz prägt und die Grundfeste für Jahrhunderte währenden Wohlstand geschaffen hat, der mit einem Mix aus Handel, Produktion und Finanzwesen noch heute prägend ist.

Genau in dieser Zeit werden auch die Fundamente für das Weingut Antinori gelegt. Es war Giovanni di Pietro Antinori, der im Jahr 1385 als Sohn einer florentiner Handelsfamilie die Entscheidung trifft, die Stadt Florenz zu verlassen und damit die Grundlage einer lange währenden Weinbaugeschichte legt und in der Umgebung die ersten Hektar Land erwirbt, die zum Teil noch heute für die Kultivierung klassischer Weine aus dem Chianti Classico genutzt werden.

Expansion durch kleine Wein- und Landgüter

Im 17. und 18. Jahrhundert forcierte die Familie Antinori die Expansion ihres Weinbaus durch den Erwerb insbesondere kleinerer Wein- und Landgüter sowie Weinberge in der Toskana. Inzwischen gehören Weinberge und Güter wie Tignanello, Santa Maria und Paterno zum Portfolio der Familie, die im Jahr 1863 die Fattorie dei Marchesi Antinori gründete, in denen die größten toskanischen Weingüter der Familie gebündelt werden sollten.

Anfang des 20. Jahrhunderts erweitert die Familie ihre Produktion und importiert die Méthode traditionelle aus der Region Champagne, die 1908 den ersten italienischen Schaumwein hervorbrachte. Noch heute prägt dieses Verfahren das Portfolio im Weingut Antinori, das darüber hinaus mit vielen weiteren Spitzenweinen aufwarten kann.

Anfang der 1930er Jahre bringt das Weingut Antinori den Villa Antinori auf den Markt, der als stilprägend für die weitere Entwicklung im Chianti Classico gilt. Heute stehen Weine aus dem Chianti Classico für eine erstklassige Lagerfähigkeit und hohe Komplexität, die sich bei richtiger Lagerung im Weinkeller auch über viele Jahre hinweg vorzüglich ausbauen lässt und charakterstarke, unverwechselbare Weine ergibt, wie sie längst nicht immer typisch für die Toskana waren.

Als Piero Antinori im Jahr 1968 das Weingut von seinem Vater Niccolò übernimmt, der es für die damalige Zeit ungewöhnlich erfolgreich durch die schweren Zeiten im 2. Weltkriegs führen konnte, sah er sich und seinem Weingut zunächst enormen Herausforderungen gegenüber. Denn im Jahr 1966 trat der Fluss Arno über die Ufer und zerstörte einen wesentlichen Teil der Weine im Keller der Antinori. Dabei wurden unzählige Fässer und Anlagen nachhaltig beschädigt und das Weingut Antinori war mit erheblichen Imageverlusten konfrontiert. Piero Antinori nutze diese unruhige Zeit, um das Weingut gänzlich neu auszurichten und die traditionelle Weinherstellung an die Gegebenheiten der Zeit anzupassen – aus dieser Zeit stammen auch noch einige der temperaturkontrollierten Stahltanks, die noch heute in den Weinkellern der Familie Antinori eingesetzt werden.

Zusammen mit seinen Töchtern Allegra, Albiera und Alessia hat Piero Antinori das Haus der Marchesi Antinori zu einem Unternehmen von Weltbekanntheit geführt, das neben rund 14 Weingütern in Italien auch rund zwei Dutzend internationale Joint Ventures führt, die allesamt vom imposanten Hauptquartier in Bargino geführt werden.

Tignanello und Solaia – Die besten Lagen

Rund 150 Hektar Weinbaufläche liegen direkt am berühmten Weinberg Tignanello in Mercatale, das direkten Anschluss an die Lage Solaia findet. Hier entstehen zwei der besten Weine Italiens, der 1970 als Tignanello bekannte Cuvée mit 80% Sangiovese und 20% Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc gekeltert wird. Nur wenige Jahre später entstand ein weiterer Cuvée aus 80 Prozent Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc sowie 20 Prozent Sangiovese der aus der Lage Solaia, die heute als „Super Tuscans“ bekannte Spitzenweine repräsentieren.

Colorino Rebsorte

Auch die Rebsorte Colorino prägt die Weine der Familie Antinori und ist typisch für Weine aus dem Chianti Classico

Rebenkunde am Weingut Antinori

Auch wenn die Vielfalt im Weinbau der Familie Antinori so unglaublich vielseitig ist, versucht der neu erschaffene Weinpalast aus Stahl und Beton einen Teil seiner Geschichte für Besucher aufzubereiten und informative Exkurse für den interessierten Weinbesucher in Italien anzubieten. Neben den obligatorischen Weinführungen im – zugegebenermaßen eher für Führungen hergerichteten – Weinkeller des Neubaus, bietet das gesamte Areal eine Vielzahl an Rebenflächen und Pfaden, die öffentlich zugänglich sind und von den unzähligen Besuchern des Weinguts erkundet werden können. Zunächst gilt es jedoch den kühl und beeindruckend wirkenden Eingang des Weinguts zu finden, der vom Parkplatz der unteren Etagen aus erreicht werden kann. Hier befindet sich auch ein separater Eingang für das im Weingut Antinori integrierte Hotel.

Eingang des Weingut Antinori im Untergeschoss

Sobald der Besucher seinen Weg durch die architektonisch beeindruckenden Konstruktionen aus Stahlbeton und Metall findet und die eindrucksvolle Wendeltreppe in Richtung Tageslicht erklimmt, erwartet uns jedoch ein weitläufiger und neu angelegter Weinberg, der das gesamte Weingut umgibt.

Wer ohne ein klares Ziel die Wege des Weinguts beschreitet, gelangt schließlich auf das obere Deck der Anlage, in dem sich ein gut beschilderter Weinpfad entdecken lässt, der uns im hauseigenen Chianti Classico Mikrokosmos durch die gepflegten Reben des Weinguts führt.

Chianti-Classico-Antinori

Unser Weg durch die Anlage wird in toskanischer Sommer-Manier durch fast 35° Lufttemperatur begleitet, die nur durch die langsame Annäherung an das hauseigene Restaurant erträglich wird, das mit seiner integrierten Weinbar und denen für die in dieser Jahreszeit typischen Zerstäubungsanlagen ein deutlich angenehmeres Weintasting ermöglicht. Auf unserem Weg zum schattigen Platz erwarten uns immer wieder eindrucksvolle Reben, die mit stilechter Beschilderung von der Historie im Chianti Classico erzählen.

Rebenkunde auf dem Weingut Antinori in der Toskana

Rebsorten wie Sangiovese, Colorino, Malvasia Nera und Cabernet Sauvignon prägen auch hier das Bild im Weinberg, das sich später beim Besuch im Weinkeller und dem angeschlossenen Weinshop bestätigen soll. Aber nachdem wir bereits zu Beginn unseres Besuchs einen umfangreichen Blick in das doch sehr touristisch optimierte Hauptgebäude geworfen haben, das das für die Familie Antinori typische Marketingkonzept gut erkennen lässt, haben wir uns dazu entschlossen, den eindrucksvollen Besuch bei einigen Gläsern Villa Antinori ruhig ausklingen zu lassen, bevor wir unsere Weinreise in der Region Toskana weiterführen und das Weingut Castelvecchi besuchen.

Restaurant und Weinbar im Weingut Antinori